„Mach bloß keine Welle!“
Ein Wiener Wissenschaftler hat für die engen Gassen Venedigs ein Motorboot konstruiert, das kaum Wasser aufwirft
von Klaus Bartels
Für manche Erfindungen muss man mühsam forschen - vor allem wenn sie auf Bestellung erfunden werden sollen. Der Wiener Physiker Theodor Eder, 64, hat fast drei Jahre lang an einer Erfindung getüftelt, die auf Bestellung des Bürgermeisters von Venedig erfolgte. Es ist ein Bootsrumpf, der kaum noch Wellen wirft, was sich für die alte Bausubstanz der Lagunenstadt an der Adria, in der Waren und Menschen immer noch auf engen Kanälen mit Booten befördert werden, zu einem wichtigen Bestandsschutz entwickeln kann.
14,45 Meter lang, 4,29 Meter breit und mit einer 380 PS starken Dieselmaschine von Scania ausgerüstet ist die "Challenger II", die von Diplom-Ingenieur Eder als Displacement Glider (DG) bezeichnet wird - was so viel heißt wie verdrängender Gleiter. Ohne den dunkelblauen Rumpf würde die aus Aluminium gefertigte Yacht wie ein gewöhnliches Patrouillenboot des Militärs aussehen. Aber die Bugform mit einem fast senkrechten Steven und der breite Rumpf, der sich als Hohlkehle zu beiden Seiten ausbildet, sind ungewöhnlich.
Wir starten zusammen mit dem österreichischen Ingenieur Werner Kastenhofer, der sich maßgeblich am Bau der "Challenger II" beteiligt hat, zu einer Testfahrt vom Hafen Grado aus auf die Adria. Tatsächlich ist die Heckwelle nach dem Ablegen in der Marina bei einer Fahrt von vier bis fünf Knoten (gut 8 km/h) sehr gering. Seine wahre Stärke beweist der DG allerdings erst, wenn die eigentliche Rumpfgeschwindigkeit von gut 16 Stundenkilometern überschritten ist. Obwohl sich die Geschwindigkeit des Bootes bis auf 35 km/h erhöht, entsteht am Heck nur eine kleine Welle.
"Der Rumpf ist so konstruiert, dass er zwei Wellen bildet, die sich gegenseitig aufheben", erklärt Kastenhofer das Phänomen. Dadurch würde die Yacht auch eine doppelte Rumpfgeschwindigkeit erreichen, ohne zum Wellenwerfer zu werden, so der Techniker.
"Es hatte mich einfach gereizt, einmal etwas Neues im Bootsbereich zu entwickeln", sagte Theodor Eder, der sich schon als Student eine erste Segelyacht baute und damit im Mittelmeer kreuzte. Über 20 bis zu 1,50 Meter lange Rumpfmodelle hatten Eder und sein Techniker Kastenhofer gebaut und sich mehr empirisch als rechnerisch an die Rumpfform des Displacement Gliders herangepirscht. Getestet wurden alle Veränderungen im Schlepptank der Schiffbautechnischen Versuchsanstalt Wien.
Das Neue ist, dass der DG so etwas wie einen breiten, hydrodynamisch geformten Kiel erhalten hat. Dieser bei der "Challenger II" 1,40 Meter tief gehende Kiel bildet mit dem hohlkehligen Rumpf nicht nur so etwas wie ein Indifferenzsystem für die Wellenbildung, sondern bietet darüber hinaus Platz für die Maschine und alle Tanks. Der gesamte Rumpf kann für eine Einrichtung genutzt werden. Motor und Tanks sind sozusagen einen "Stock" tiefer untergebracht.
Auf unserem Törn über die Adria präsentierte sich das Versuchsschiff mit erstaunlich guten Fahreigenschaften: Drehkreis von nur vier Schiffslängen und eine Aufstoppstrecke von 25 km/h auf null von nur zwei Schiffslängen. Darüber hinaus versicherte uns Ingenieur Kastenhofer, dass das Boot rund 30 Prozent weniger Kraftstoff verbraucht als ein gleich großer und gleich schneller Halbgleiter. Etwas zu bedächtig reagiert das Boot allerdings bei langsamer Fahrt auf das Ruder - vor allen Dingen beim Rückwärtsfahren. Da bildet das kielförmige Unterwasserschiff einen zu großen Widerstand. Aber dafür wurde das Schiff mit je einem Bug- und einem Heckstrahlruder ausgerüstet, um auch im Hafen beweglich zu bleiben.
Welt am Sonntag, 25.4.2004
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